In der Nähe von Porec war ich schon viele Jahre im Urlaub, da die Familie meiner Freundin Julia im nahegelegenen Funtana lange Zeit eine Ferienwohnung hatte. Mein erster Urlaub ohne Eltern 1999 ging hierher, nur wenige Wochen nach Ende des Kriegs im Kosovo. Viele verrückte Mädels-Trips mit meinen Freundinnen und auch schon eine Reise, als die Kids noch klein waren und Kroatien im Finale der Fußball Weltmeisterschaft stand, folgten. Wieder hier zu sein fühlt sich also fast ein bisschen wie Nach-Hause-Kommen an.
Wir sechs haben ein schönes, modernes Ferienhaus mit drei Schlafzimmern, drei Bädern (elementar wichtig, wenn man mittlerweile mit zwei Teenies fährt) und einem großen Pool. Ein älteres Ehepaar vermietet es, wohnt aber 400km entfernt von Porec im Inland. Sie warten an unserem Anreisetag lange auf uns, denn wir brauchen für die letzten rund 470km ganze neun Stunden. Kroatien ist beliebt bei Touristen, die mit dem Auto anreisen und das merkt man auf unserer letzten Etappe deutlich. Dadurch ergeben sich aber auch einige Teilstrecken, die wir durch das Hinterland von Slowenien fahren, durch kleine Orte und über kurvige Bergstraßen, aber am Ende sind wir doch äußerst froh, endlich anzukommen. Den ersten Einkauf haben wir bereits in Slowenien erledigt. Erfahrungsgemäß sind die Supermärkte dort etwas günstiger (wir waren typisch Deutsch bei Aldi).
Unser Häuschen befindet sich in einem kleinen, an Porec grenzenden Dörfchen. An der Kreuzung zu unserer Straße befindet sich an der Hauptstraße zu Porec die Konoba ‚Monte Rosso‘, eine kroatische Taverne. Diese ist ganz schnell als Hauptziel des ersten Abends auserkoren, denn wir sind alle unglaublich hungrig und niemand hat heute noch Lust weit zu laufen oder mit dem Auto zu fahren. Die Kellner sind lustig und machen Quatsch mit den Kindern, das Essen ist lecker und wir läuten die Ankunft an unserem diesjährigen Hauptziel ein. So geht ein guter Start in den Urlaub!
In unserem Ferienhäuschen etabliert sich schnell ein eigener Urlaubs-Rhythmus und ich bin froh, dass sich dieser bei uns Sechsen in gleicher Weise einschleicht. Wir schlafen laaange. Die letzten von uns krabbeln erst gegen Mittag aus dem Bett, wenn unten schon der zweite Kaffee durchläuft und der Duft von Marions Frühstücks-Crêpes langsam die zweite Etage erreicht. Mads und ich sind meistens die Ersten, die wach sind. Er chillt mit dem ersten Toast des Tages im Wohnzimmer, während ich mit einem Buch in der Hängematte am Pool liege. Frühstück ist in unserer Familie eine immens wichtige und meist sehr ausgedehnte Mahlzeit. Mahlzeiten generell sind bei uns sehr wichtig für die allgemeine Stimmung, denn die meisten in unserer Familie tendieren dazu übellaunig auf Nahrungsentzug zu reagieren, haha. Nach diesem späten Frühstück geht es an den Pool zum chillen, Volleyball spielen oder einer Schlacht mit den Wasserpistolen.
Am späten Nachmittag gehen oder fahren wir zu einer der unzähligen, kleinen Buchten in der Nähe. Kroatien hat wenig Sandstrände, was mich absolut nicht stört. Und da ich die Gegend um Porec herum sehr gut kenne, sind mir ein paar felsige Buchten mit türkisem, glasklarem Wasser bekannt, wovon wir täglich eine andere ansteuern. Durch unsere antizyklische Lebensweise haben wir einen großen Vorteil: Wenn wir kommen, dann brechen die meisten Menschen schon wieder auf in Richtung ihrer Hotels oder Campingplätze. Die meisten machen sich dann einfach fertig fürs Abendessen. Wir genießen die Abendsonne, schwimmen im Meer mit Badewannentemperatur oder klettern über die aufblasbaren Wasserparks, die man überall an der Küste findet. Unsere Jungs entdecken in jeder Bucht einen Neuen, der ausgiebig getestet werden muss. Irgendwann perfektionieren sie sogar die Verhandlung am Ticketstand, so dass wir selten den vollen Preis für die Kletterei bezahlen.
Wir Mädels profitieren davon, dass die Liegen am Strand alle bereits bezahlt wurden und wir sie für die Zweitnutzung verwenden können. Nur einmal werden wir von einem Rettungsschwimmer angesprochen, den Marion aber so charmant einwickelt, dass wir auch für die Liegen einen vergünstigten Preis bekommen. Ich finde, dass man Urlaubstage in einem solchen Rhythmus wunderbar verbringen kann, vor allem wenn man davor harte Arbeitswochen und im Haus einige Renovierungsarbeiten hinter sich gebracht hat. Entspannung pur ist genau das, was wir nun brauchen!
Für Abwechslung sorgen unsere Abende. Porec ist knapp 3km entfernt, was zuhause im Weserbergland unserer üblichen Spaziergehrunde entspricht, so dass wir den Weg in die Stadt gut zu Fuß hinter uns bringen können. Für Mads haben wir einen Roller mitgenommen (womit er leider so schnell ist, dass wir ihn schon an einem der ersten Abende in der Dunkelheit wiederfinden müssen, aber das ist eine andere Geschichte). Der schönste Weg in Richtung der Altstadt von Porec führt für uns eine ganze Ecke direkt am Meer entlang. Ich liebe es! Der Weg ist ja bei einem Roadtrip generell immer das Ziel und es ist schön, wenn das auch für die Wege gilt, die man zu Fuß zurücklegt. Übrigens lohnt es sich auch hier wieder einmal, sich nicht immer komplett auf Google Maps zu verlassen, das uns beim ersten Mal direkt an der Hauptstraße entlanggeführt hatte. Ansonsten unternehmen wir abends auch gern Ausflüge, zum Beispiel in das naheliegende Vrsar oder das wunderschöne Rovinj! Doch egal, wohin wir zum Abendessen fahren, haben wir doch immer Glück mit den Restaurants. Und auch hier sollte man manchmal Internetbewertungen außenvorlassen.
In Porec haben wir eines Abend richtiges Glück! Statt online etwas herauszusuchen, laufen wir durch die Straßen mit dem Wunsch von Mads im Gepäck, dass wir in einem Restaurant essen sollen, das auf einem Berg in einer kleinen Gasse liegt. Durch einen Zufall erreichen wir irgendwann tatsächlich den höchsten Punkt der Innenstadt an dem der Kirchturm steht. Und nebenan sitzt ein älterer Herr auf einem verschnörkelten Balkon, singt und spielt dabei Gitarre. Die Kirche ist schön beleuchtet und zu unserer rechten entdecken wir das ‚Restaurant Cardo‘, das uns mit leckerem Pulpo Salat, Steaks und Grillplatten, sowie einer unheimlich leckeren Tiramisu-Creme zum Nachtisch überrascht. Wir sind ganz begeistert und lesen erst im Nachhinein die Bewertungen, die mit durchschnittlichen 3,6 Sternen doch eher dazu geführt hätten, dass wir das Restaurant mit vorheriger Recherche gar nicht erst in Betracht gezogen hätten. Witzigerweise sind wir hier, wie so oft, die letzten Gäste des Abends. Wie auch am Strand, brechen nach und nach die vollbesetzten Tische um uns herum auf. „Ich genieße dieses antizyklische Leben wirklich“, denke ich, während wir um Mitternacht langsam durch die immer leerer werdende Altstadt den Heimweg antreten. Leise Live-Musik kommt aus Hinterhöfen und über uns leuchten die Sterne.
Nach Vrsar fahren wir an einem Abend zum Fischerfest. Fischerfeste gibt es regelmäßig in einigen kroatischen Hafenstädten. Ich kenne sie noch von früheren Kroatien-Reisen und möchte meiner Familie zeigen, wie toll es ist, an Ständen direkt am Hafen frischen, gegrillten Fisch direkt vom Boot zu kaufen. Für uns in unserer „Wir sind immer zu anderen Zeiten unterwegs als alle anderen“ – Bubble ist es natürlich ein kleiner Flash mitten in den Trubel des Fests einzutauchen. So viele Menschen wie an diesem Abend haben wir seit Tagen nicht mehr gesehen, aber es lohnt sich. Auf Bühnen wird gute Musik gespielt, wir essen leckere Fischgerichte von den aufgebauten Ständen und stoßen mit einem ordentlichen Karlovacko an. Nur Micha und Mads schieben sich etwas hungrig durch die Menge, beide sind keine großen Fisch-Fans. Aber auch dafür haben wir eine Lösung und kehren für den zweiten Gang des Abends in der kleinen „Konoba Rotonda“ oberhalb von Vrsar ein. Sie liegt zufällig auf dem Rückweg zum Auto, das wir an einem Campingplatz geparkt haben, hat zu später Stunde noch geöffnet und auch hier sind wir wieder einmal der letzte Tisch.
Gut, dass wir unseren ID.Buzz haben, in den die ganze Bande reinpasst und den wir mittlerweile nur noch als Chaosbus bezeichnen. Es ist jedes Mal ein Spaß, wenn wir unterwegs sind, wie auch auf der Tour nach Rovinj im Sonnenuntergang. Rovinj ist Luftlinie eigentlich gar nicht so weit weg von Porec, allerdings umrundet man auf dem Weg dorthin einmal den Lim Fjord über gewundene, bergige Straßen, was im Endeffekt zwar Zeit kostet, aber auch einen tollen Blick auf den Fjord mitliefert. Ronvinj wird auch ‚das Venedig Kroatiens‘ genannt. Es ist eine traumhaft schöne Stadt und jedes Mal, wenn man dort ist, entdeckt man Neues. Besonders schön sind die kleinen Bars und Cafés, in denen man auf Kisten oder Felsen direkt am Meer sitzt und die man nur durch kleine Zugänge zwischen den rustikalen Häusern der Altstadt erreicht. Im Dunkeln beleuchten manche das Meerwasser von unten, so dass es in den schönsten Blautönen schimmert. Als ich das erste Mal hier, konnte man noch für 10 Mark an jeder Ecke gefälschte Markenkleidung kaufen, heute sind es Läden mit Trikots, die es überall gibt und an denen die Fußballfans unter uns nur schwer vorbeikommen. Ich kann mich mehr für die bunten Häuser und leckeren Restaurants begeistern.
An einem solchen kommen wir auch auf dem Rückweg kurz hinter dem Lim Fjord vorbei. Die ‚Konoba Gradina‘ ist irgendwo im Nirgendwo, sieht von außen ganz toll aus und kommt mir seltsam bekannt vor. Ich bin mir ganz sicher schon einmal dort gewesen zu sein und wir beschließen, dass das der Ort ist, an dem wir an unserem letzten Abend in Kroatien essen gehen werden. „Wir haben leider keine Tische mehr frei.“, höre ich dann leider am nächsten Tag, als ich nach kurzer Recherche herausgefunden habe, dass die Konoba sich großer Beliebtheit erfreut und man daher auf jeden Fall reservieren sollte. „Auch nicht, sagen wir mal, um 20 Uhr?“, frage ich vorsichtig. „Also leider kann ich Ihnen vor 21 Uhr gar nichts anbieten.“, bedauert die nette Dame am Telefon. „Ok super, dann sehen wir uns um 21 Uhr!“, kontere ich erfreut, woraufhin sie noch zweimal nachfragt, ob wir wirklich erst um 21 Uhr dort essen möchten. Na klar, für unseren Rhythmus ist das ja fast ein frühes Abendessen und es stellt sich nach dem obligatorischen Strandbesuch und dem anschließenden „hübsch machen“ heraus, das wir selbst 21 Uhr nicht ganz pünktlich schaffen. Wir haben wirklich viel gutes Essen in den letzten Tagen zu uns genommen, aber die Beliebtheit der Konoba kommt nicht von ungefähr. Mein Steak ist so zart und auf den Punkt, dass das Messer geradezu hindurchgleitet. Außerdem gibt es einen großen Garten mit einer riesigen Schaukel und diversen anderen Spielgeräten, den wir zwischendurch erkunden. Alles in allem ist das natürlich ein super Abschluss für diese Etappe!
Zur Ladesituation in der Region Istrien ist zu sagen, dass nach unserem Empfinden viele Menschen mit E-Autos unterwegs waren (vor allem viele Niederländer und Skandinavier) und es für diese wiederum etwas zu wenig Lademöglichkeiten gibt. Wir hatten aber den Vorteil, dass der ID.Buzz auf unserer Anreise in Slowenien noch einmal vollgeladen wurde und wir somit mit dem Akku die gesamte Woche auf unseren kurzen Strecken, die wir zurücklegen, hinkommen. Kurz vor der Abfahrt laden wir noch einmal kurz am Kaufland in Porec, wo wir uns mit Kleinigkeiten für die Fahrt eindecken. Als wir zum Auto zurückkommen, hat sich schon eine kleine Schlange gebildet. Ein gestresstes Paar wartet schon darauf, dass wir weiterfahren, weil ihr Tesla nur noch 3% hat. In Slowenien sieht es – gefühlt – schon viel besser aus, so dass wir dort unterwegs an einem Ladepark aufladen und uns die Wartezeit mit einem Eis in der Sonne vertreiben.
Das Schöne an einem Roadtrip ist, dass der Urlaub mit der Rückreise nicht vorbei ist. Wir haben noch zwei tolle Etappen vor uns, auf die wir uns freuen können, während wir unserem Weserbergland langsam wieder näher kommen.

