Mehr multikulti geht ja kaum noch, wenn du zur Hochzeit deiner indischen Freundin mit deinen Mädels aus Italien und Frankreich ins Elsass fährst. Sieben Stunden Fahrt und ein Ladestopp führen mich und meinen ID.BUZZ direkt zu diesem besonderen Spektakel. Meine Freundin Alka heiratet ihren Lavish und das, obwohl sie vor Kurzem noch meinte, dass ihr 40ster Geburtstag ihre große Party werden würde. „Ich heirate nicht mehr und daher wird mein 40ster quasi meine Hochzeit!“, erklärte sie uns bei unserer letzten Reunion bei ihr in Mulhouse, ebenfalls im Elsass. Sie wollte mit uns allen nach Indien fliegen, in die Heimat ihrer Familie und uns ihre Stadt Udaipur zeigen. Dorthin hätten wir einen Roadtrip durch Delhi, Agra, Jaipur und Jodhpur gemacht. Nun ist dieser Roadtrip vertagt, aber dafür feiern wir drei Tage lang eine „kleine, intime“ indische Hochzeit mit 80 Gästen (Kenner wissen, dass es auch mal an die 1.000 werden könnten).
Am Dienstag trudeln wir CPH Mädels (meine Freundinnen aus dem Studium in Kopenhagen und ich) langsam aus Deutschland, Frankreich und Italien im kleinen Ort Oberhaslach ein. Wir sind in einer kleinen Pension namens „Hostellerie St. Florent“ eingebucht und teilen uns wie immer in das Frühaufsteher- und das Langschläfer-Zimmer auf. Es ist immer wieder faszinierend, dass wir es mittlerweile seit 19 Jahren schaffen, uns regelmäßig irgendwo in Europa zu treffen. Jedes Jahr aufs Neue sehen wir uns und obwohl wir unterjährig gar nicht so viel miteinander sprechen, ist immer so, als wären wir nie getrennt gewesen (und als wären wir nicht gealtert, haha).
Um 18 Uhr finden wir uns pünktlich an der Orangerie du Manoir ein, die man kurz hinter unserem Örtchen über einen staubigen Waldweg erreicht und die ein ganz bezauberndes Anwesen ist. Aufgerüscht stehen wir hier in unseren feinen Kleidchen und werden von Alkas indischer Familie mit großen Augen angeschaut. Die Inder sind noch in Shorts und T-Shirt unterwegs, stehen auf Leitern, schmücken den Innenhof und tragen entspannt allerlei Deko aus allen Ecken herbei. Wir schauen uns kurz irritiert an und ich frage Anne-Laure leise, ob wir vielleicht ein wenig overdressed sind. Wir sehen aus, wie einer Folge Sex and the City entsprungen, während alle anderen aussehen, als wären sie gerade aufgestanden. Aber gut, es war vielleicht zu erwarten, dass so eine indische Feier nicht pünktlich beginnen wird. Ein kleines Buffet ist aufgebaut und da wir die ersten Gäste sind, können wir alles in Ruhe probieren. Das Brautpaar gibt sich ungefähr zwei Stunden später die Ehre. Nun sind auch alle umgezogen, wunderschön geschminkt und tragen prunkvolle, indische Gewänder. Wir sind mittlerweile schon mehrfach am Buffet gewesen, als Alka uns überschwänglich begrüßt und dann anmerkt: „Ihr wisst aber schon, dass das richtige Essen noch kommt, oder?“ Wir lachen prustend los. Nein, das wussten wir nicht und wir waren von unseren individuellen Anreisen auch so hungrig, dass wir uns schon an den ersten indischen Köstlichkeiten komplett satt gegessen haben. Aber man lernt ja nie aus. Wir feiern bis in die Nacht das „Sangeet“, eine Art indischen Polterabend mit Essen, Musik und Tanz, und fallen dann todmüde in unsere Betten.
Am nächsten Morgen geht es in unserem Zimmer zu, wie in einem Taubenschlag. Ich habe Saris von einer Freundin aus der Heimat mitgebracht, die mit einem Inder verheiratet ist, und meinte, dass sie sich freut, dass die guten Stücke endlich mal das Tageslicht sehen. Wir haben, über ein paar rudimentäre YouTube-Kenntnisse hinaus, keine Ahnung davon, wie man einen Sari bindet und sind dankbar dafür, dass unsere indische Bekannte Kanika und ihr Mann nur ein paar Zimmer weiter wohnen. Kanika kommt sofort zu uns rüber und nimmt sich geduldig jedem einzelnen unserer Gewänder an. Ein Sari ist eigentlich ein langes Stück Stoff, dass man mehrfach und in unterschiedlichen Varianten um den Körper wickelt, sowie hier und da rein- oder feststeckt. Ich sag es ganz ehrlich: Ohne Kanika wären wir aufgeschmissen gewesen. Aber als wir alle fertig sind, sehen wir grandios aus! Wir leuchten in allen Farben, in verschiedenen Stoffen und den tollsten Verzierungen. Denn eine indische Hochzeit ist fröhlich und bunt. Ich lieb’s!
Um 11 Uhr finden wir uns – natürlich pünktlich auf die Minute – wieder an der Orangerie ein. An diesem Morgen wird die Trauung im Rahmen einer einstündigen Sikh-Zeremonie mit einem anschließenden, kleinen Hindu-Part stattfinden. Dreimal dürft ihr raten: Wir sind da, aber die gesamte indische Familie fehlt noch. Zwei Stunden scheinen ein gutes Maß für die handelsübliche indische Verspätung zu sein, denn um 13 Uhr trifft das Brautpaar ein. Wir alle ziehen unsere Schuhe aus und bedecken Schultern und Köpfe (auch die Männer übrigens). Wir stehen Spalier, als das heilige Buch in die Hochzeitslocation hineingetragen wird. Man darf ihm nicht den Rücken zukehren und es ist mit einem bunt bestickten Tuch bedeckt. Danach werden wir Gäste eingelassen und setzen uns kniend auf die Kissen am Boden. Die Zeremonie ist ein ganz besonderes Erlebnis für mich. Ich verstehe zwar kaum etwas, aber es ist alles sehr emotional. Es wird gebetet, gesungen, das Brautpaar wird mit einem Tuch verbunden und muss mehrfach um den Altar gehen als Zeichen für all die Jahre, die sie miteinander verbringen werden. Kanika sitzt neben mir und erklärt mir zu den einzelnen Passagen ein paar Dinge, wofür ich sehr dankbar bin. Natürlich dauert die einstündige Zeremonie am Ende zwei Stunden (man hätte hier mathematisch eigentlich sogar drei erwarten müssen, haha). Alka sieht wunderschön aus. Sie trägt ein rotes Gewand und unheimlich viel Goldschmuck. Beides bringt ihre braune Haut so richtig zu Geltung. Sie und Lavish strahlen sich an und auch Lavishs kleiner Sohn steht ganz stolz beim glücklichen Paar.
Zwei Frauen sprechen mich auf dem kleinen Get Together mit einem ausgiebigen indischen Buffett auf meinen orangenen Sari mit aufgestickten Pfauen an. Eine fasst den Stoff an und sagt, dass es ein ganz besonderes Kleidungsstück ist. Sie erkennt sofort, dass es sich um einen Sari aus Pune handelt, und tatsächlich kommt der Mann meiner Bekannten genau aus dieser Stadt. Ich mache ein Foto von den beiden, sie winken in die Kamera und schicken liebe Grüße an den Mann aus Pune. Wenn ich mal dort bin, soll ich mich melden. Ich bin bei ihnen nun immer willkommen. So geht Weltoffenheit.
Am Nachmittag findet eine Pause statt, die wir mit dem Betanken bzw. Laden der Autos verbringen. Meine italienische Freundin Barbara hinterlässt dabei einen bleibenden Eindruck bei einem Mann an einer französischen Dorf-Tankstelle, als sie in ihrem leuchtenden Sari ihren Tiguan betankt. Und ich stelle fest, dass es im Elsässischen Hinterland gar nicht so einfach ist, eine Ladesäule zu finden. Die Einzige, die mir innerhalb meines Radius angezeigt wird, stellt sich am Ende als Frischwasserstation für Camper heraus, so dass ich irgendwann aufgebe und beschließe auf dem morgigen Rückweg zu laden.
Um 18 Uhr soll es mit der Hochzeitsfeier weitergehen. Wir beschließen dort in schicken Kleidern statt Saris aufzuschlagen, um Kanika nicht erneut zu behelligen. Alkas Schwester fragen wir vorab, ob die Feier denn tatsächlich um 18 Uhr beginnen wird. „Aber natürlich fangen wir um 18 Uhr an!“, sagt diese erstaunt und lässt über die extra erstellte Hochzeits-Whatsapp Gruppe diese Nachricht auch nochmal allen Gästen der Feier zukommen, damit sich ja niemand verspätet. Barbara und ich sind „die Strukturierten“ unserer Mädelsgruppe (sie ist fast deutscher als ich, was das angeht). Wir schauen uns kurz an und sagen dann zu unseren Mädels: „Es reicht definitiv, wenn wir um 19 Uhr dort sind!“. Die Argumentation, dass aber doch extra auf die pünktliche Startzeit hingewiesen wurde, hören wir uns an, aber bleiben bei unserer Meinung. So können wir uns das „Wir haben es euch ja gesagt!“ nicht verkneifen, als wir mit unseren Sektgläsern und unseren schicken Kleidern etwas verloren auf dem Hochzeitsempfang stehen, dem um 18 Uhr neben uns, einem kanadischen Pärchen und der Band noch niemand beiwohnt.
Als das Brautpaar gegen 20 Uhr fröhlich mit der gesamten indischen Familie um die Ecke kommt, gratulieren wir ausgiebig. Es gibt mehrere Überraschungsauftritte von talentierten Sängern und Sängerinnen und bei einem Drink tauchen wir schließlich mit dem Brautpaar in ein Gespräch über indische Pünktlichkeit ein. Alka lacht und erklärt uns, dass ihre Hochzeitsplanerin schon einen Mental Breakdown hatte, weil sie einen ganz konkreten Zeitplan verfolgte, den die Inder allesamt komplett ignorierten. „Heute früh um 8 Uhr stand sie vor unserer Tür und wollte Hochzeitsfotos machen lassen. Da meinte ich, das sich noch gar nicht fertig bin. Mein Mann, meine Mutter…niemand war fertig!“, lacht Alka. „Da habe ich ihr gesagt: Ich bin die Braut und das ist meine Hochzeit und wenn ich jetzt keine Fotos machen kann, dann passiert das jetzt nicht.“ Irgendwie beneidenswert und eigentlich hat sie auch recht. Wer hat sich bei der eigenen Hochzeit nicht komplett gestresst, dass alles funktioniert und jeder Schritt nach Plan läuft? Die Einstellung „Ich bin die Braut und ohne mich läuft hier nichts!“ wäre mir niemals in den Sinn gekommen, entspannt aber komplett. Es soll doch der Tag des Brautpaars sein und nicht der Tag der Gäste oder der Hochzeitsplanerin. Wir lachen und stoßen darauf an!
Die Tische der Hochzeit sind nach unterschiedlichen Bollywood-Filmen mit dem bekannten indischen Schauspieler Sha Rukh Khan benannt. Wir machen unseren Tisch aus und müssen erneut lachen. Alka hatte uns in Kopenhagen in die Welt des Bollywood-Films eingeführt. Diese Filme gehen immer, wirklich IMMER, gut aus. Aber tatsächlich gab es einen Film, bei dem IHRE große Liebe am Ende stirbt und sie sich mit ihrem besten Freund als zweite Wahl verheiratet. Dieser Film hatte unsere Mädels-Gruppe nachhaltig traumatisiert. Unsere Konstante mit dem Happy End war einfach zunichte gemacht worden. Nun hat uns Alka (sich dabei wahrscheinlich innerlich kaputt lachend) an den Tisch mit genau diesem Filmplakat gesetzt. „Hat sie nicht wirklich?“, sagt Anne-Laure entrüstet zu mir, „Die schnappen wir uns nachher!“.
In besonderer Erinnerung wird mir bei dieser Hochzeit auch immer der Bollywood-Flashmob bleiben, den alle Gäste unabhängig voneinander einstudiert haben und dem Brautpaar dann vorführen. Es gibt zu jeder Phase von Alkas Leben eine Gruppe, die einen Tanz aufführt. Dazwischen läuft immer jemand mit einem Schild über die Bühne, der kurz die Phase der nächsten Gruppe erklärt. Wir haben auf dem Parkplatz nochmal geprobt und tanzen zu „Boten Anna“, das zu unserer Kopenhagen Zeit einer DER Songs war. Zwischendurch gibt es wieder leckeres, indisches Buffett und wir probieren Dinge, die wir noch nicht kannten, mit Geschmäckern, die uns ebenfalls in diesen Zusammenstellungen neu sind. Ich finde sowas großartig. Meine Freundin heiratet und hat diesen wunderbaren Tag. Wir sind dabei und lernen so viel über sie, ihre Familie und ihre Kultur. Und eines habe ich auf jeden Fall an diesen drei Tagen noch gelernt: Wenn Inder feiern, dann richtig und mehrere Tage ohne Pause. Wir haben sogar ein Nickerchen am Nachmittag gebraucht, um irgendwie mitzuhalten!


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