Es muss nicht immer Weihnachten sein. Weihnachten ist schon lange ein Problem für unsere große, weit verstreute Chaosfamilie. Mittlerweile haben sich einige Zweige unserer Familie schon seit Jahren nicht mehr gesehen, manche kennen sich noch gar nicht. Andere treffen wir nur noch auf Hochzeiten und Beerdigungen. Verena, die Cousine meines Mannes Jens, und ich hatten daher Anfang des Jahres eine Idee: Ein „Statt-Weihnachten-Familientreffen“ in der Heide.

Eine große Familie bekommt man allerdings für ein Wochenende nicht mehr in eine Ferienwohnung. Ein Hotel wäre andererseits auch nicht die richtige Wahl für uns, denn wo sollten wir uns alle zusammenfinden? Im Konferenzraum? Viel zu kühl. Verena war schon einmal auf dem Hof Springhorn in der Heide und erzählte mir begeistert davon. Hotelzimmer für die einen, Ferienhäuschen für die anderen. Das Ganze auf einem traumhaften, weitläufigen Gelände. Und das Beste: Jeder konnte sich hier seine Unterkunft selbst buchen, so dass für uns im ersten Schritt kein enormer Aufwand aufkam.

Ganz ohne Planung geht es an einem solchen Wochenende mit 22 Menschen, die sich mal mehr, mal weniger kennen, natürlich nicht. Jeder hat andere Bedürfnisse. Manche wollen am liebsten die ganze Zeit zusammen verbringen, andere brauchen auch mal Zeit für sich. Verena und ich schmiedeten also Pläne. Es entstand eine Art „Ferienprogramm“, aus dem sich jedes Familienmitglied das Beste für sich herauspicken konnte.

Aber zurück zu unserem Wochenende an sich: Es ist Freitagabend und ein surreales Gefühl, als ich unsere Ankunft an der Rezeption des Hof Springhorns anmelden möchte. An einem Tisch im Foyer sitzen schon erste Familienmitglieder aus München und Paderborn, die sich bereits mit einem Teil meiner Chaosfamilie aus dem Weserbergland und aus der Gegend rund um Wolfsburg bekannt gemacht haben. Die interregionale Zusammenkunft ist schon heiter in Gespräche vertieft, wie ich freudig zur Kenntnis nehme. Ich schiele auf die geöffneten Weinflaschen auf dem Tisch, die wohl ihr übriges zu dieser ausgelassenen Stimmung beigetragen haben. Das Wochenende geht auf jeden Fall schon einmal gut los!

Für den späten Nachmittag hatten wir eigentlich eine Moorwanderung geplant, aber wir genießen diese entspannte Situation hier auf dem Hof gerade sehr und verschieben die Wanderung ganz agil auf den nächsten Tag. Wir lassen uns einfach treiben und essen mit allen zusammen lecker im Brauhaus Johann Albrecht in Soltau zu Abend. Die Verwandten sind erstaunt, wie viel deftiges Essen wir aus dem Weserbergland verspeisen können. Tja, wir haben auf unserem Kroatien Roadtrip ja auch ausgiebig geübt. Unsere Gruppe füllt an zwei langen Tafeln das gesamte Kaminzimmer. Alle haben sich durchmischt und überall finden fröhliche Unterhaltungen statt, ob man sich nun kennt oder nicht. Zufrieden stoßen Verena und ich auf den gelungenen Auftakt an.

Der Hof Springhorn bietet uns nicht nur wunderbare Unterkünfte, sondern auch einen eigenen Raum mit Kühlschrank. Dieser Raum ist komplett für uns reserviert und dort können wir den Abend bei guten Gesprächen gemeinsam ausklingen lassen.

Am nächsten Tag steht eine Kutschfahrt durch die Heide auf dem Programm. Parallel hat sich eine kleine Gruppe zu einem Ausflug mit allen anwesenden Kids in den Heidepark abgespalten. Es ist herrlich, wie sich sowas ganz automatisch und ohne Widerstände ergibt. Während die einen in den Achterbahnen ein paar Kilometer von uns entfernt vor Bauchkribbeln kreischen, schuckeln wir anderen gemütlich mit Sekt und Kuchen durch die blühende Landschaft. Oma Allo sitzt zufrieden in der Mitte und genießt den Trubel.

Am späteren Nachmittag entschließen wir uns, die gestern geskippte Wanderung durch das Pietzmoor nachzuholen. Selbst Oma Allo ist mit von der Partie und schiebt ihren Rollator tapfer 8 Kilometer über die Holzstege durch die verwunschene Moorlandschaft. 

Das Wetter ist durchwachsen und wir müssen uns ein paar Mal unter großen Bäumen unterstellen. Der Weg schlängelt sich nicht nur durch das Moor, sondern auch noch durch ein Stück Heide, die wunderschön rosa in der Abendsonne leuchtet.

Plötzlich ertönt von ganz hinten aus unserer Wandergruppe ein greller Schrei und ich sehe im Augenwinkel nur noch Birgit, die Frau meines Papas, die anscheinend vom Weg abgekommen und mit einem Bein im Moor zu stehen scheint. Aber nein, die Entwarnung folgt auf dem Fuße. Birgit – ihrerseits begeisterte Pilzsammlerin – hat nur einen ganz besonderen Pilz am Wegesrand entdeckt, ist vom Holzsteg gesprungen und hat das gute Stück für den Abtransport in der Kapuze meines Papas gesichert. Die ganze Wandergruppe atmet beruhigt auf.

Zurück auf dem Hof Spinghorn trudeln nicht nur wir, sondern auch die Heidepark Crew und eine weitere Gruppe, die sich statt der Wanderung ins Outlet in Soltau verzogen hatte, wieder ein. Für den Abend bestellen wir Pizza und sitzen in „unserem“ Raum zusammen mit all den Getränken und Snacks, die wir in unserem Kühlschrank für alle gebunkert haben. Ich kann gar nicht beschreiben, wie glücklich es mich macht, einfach nur hier mit einem Glas Sekt zwischen allen zu sitzen und zu hören, wie all die verschiedenen Stimmen sich im Raum vermischen. Auch der zweite Tag geht so zu Ende, wie wir es uns nur wünschen konnten.

Der Sonntag startet wieder mit einem ausgiebigen Hof-Frühstück. Dann wagen wir ein Experiment: Reiten. Schließlich haben wir uns auf einem Reiterhof eingebucht, da müssen ja wenigstens einige von uns mal auf einem Pferd sitzen. Das Problem: Die Hälfte der Familie kann reiten, die andere Hälfte kann es nicht…was sie aber nicht davon abhält, es trotzdem zu tun! Wie immer, wenn wir irgendwo sind, ist es chaotisch und lustig. Am Ende des Tages werde ich Bauchmuskelkater vom Lachen haben.

Es beginnt schon damit, dass unsere Mimi (noch nie geritten) das größte Pferd des Hofes namens Richy von der Koppel in die Reithalle führen soll, um gleich darauf seine Runden zu drehen. Sie sieht winzig aus neben dem riesigen Tier! Vorher wird es ausgiebig geputzt und steht dabei neben dem kleinsten Pony der Welt, auf dem die Jüngste unserer Gruppe, die kleine Lilly, gleich eine kleine Runde drehen soll. Theresa kann eigentlich auch nicht reiten, nimmt es aber mit Humor, als sie ihr Pferd ebenfalls vor der Halle parkt. Wir wuseln alle wild auf dem Hof herum und geben lachend kluge Ratschläge, während die ersten unserer unerfahrenen Reiterinnen schon leichte Panik in den Augen haben.

Ein Reitlehrer hilft Mimi schließlich in der Halle auf das Pferd und dann…passiert erstmal nichts. Mimi weiß nicht, wie man so ein Pferd in Gang bekommt, sitzt nur da und guckt mich, die mit den anderen auf der Tribüne sitzt, auffordernd mit großen Augen an. Nur habe ich leider auch noch nie auf einem Pferd gesessen und kann in dieser Situation leider nicht mit mütterlichem Rat dienen. Aber irgendwie schaffen es schließlich alle hinter Cousine Fine herzutraben, die zuhause ein eigenes Pferd besitzt und professionell voran reitet. „Bitte nicht zu nah an Richy reiten. Der mag keine anderen Pferde!“, ruft der Reitlehrer, der sich in der anderen Ecke der Reithalle ganz seiner Reitstunde mit einem kleinen Mädchen widmet. „Moment mal!“, denke ich, „Richy ist doch das Tier, das mein Kind durch die Halle trägt. Was passiert denn bitte, wenn andere Pferde zu nah an Richy herankommen???“. Schnell schiebe ich den Gedanken weg. Richy bekommt schließlich noch einen neuen Reiter, denn auch Jens will sich versuchen. Vor 100 Jahren ist er als kleiner Junge mal auf Onkel Tonis Hof geritten, versteht sich damit als Profi und darf nun auch eine Runde drehen. „Mann!“, sagt Mimi, „Warum sieht der Reiterhelm bei mir so dumm aus und bei Papa so cool?“ Ich muss grinsen und sehe meinem Mann zu, wie er – grazil wie eine Elfe – durch die Manege reitet. Draußen vor der Halle chillen Micha, Birgit und Tante Rosi in Liegestühlen in der Sonne, während ich drinnen inständig hoffe, dass die laute Bande auf der Tribüne nicht gleich vom Reitlehrer rausgeschmissen wird. Ja, sie sind laut, aber liebenswert! Und eben meine Familie. Der Begriff „Chaosfamilie“ trifft es einfach immer wieder.

Am Nachmittag verstreuen wir uns zur Abreise wieder in all unsere Himmelsrichtungen. Für die meisten geht es nach Hause, wir wollen mit unserem Mads noch eine Runde auf der nahegelegenen Kartbahn drehen. Als ich ihm zusehe, während er auf der Strecke durch die Kurven braust, frage ich mich: „Werden wir es wohl hinbekommen, das „Statt-Weihnachten-Familientreffen“ jeden September zu etablieren?“ Es wäre einfach zu schön!