Kurz nach dem Ladestopp mit der Schokoladenmanufaktur melden sich mein Cousin Gavin und seine Freundin Theresa bei uns. Sie sind gerade auf dem Weg von München nach Österreich und haben mitbekommen, dass wir ganz in der Nähe sind. Wieder so ein ungeplanter Zufall auf unserem Roadtrip! Unser nächster Stopp wird der Gasthof „Alter Wirt“ in Bernau am Chiemsee sein, also verabreden wir für den späten Nachmittag dort im Biergarten. Als unser (nicht ganz so alter) Wirt uns bei unserer dortigen Zusammenkunft glücklich mit großen Bierkrügen fotografiert, lacht er und sagt: „Ich moch des hochkant, denn seht’s ihr schlanker aus!“. Ich schwanke zwischen: „Er weiß, wie es geht!“ und „Sollten wir ob dieser Aussage vielleicht doch ein bisschen beleidigt sein?“. Ich schiebe die Gedanken beiseite und erfreue ich lieber daran, dass Jens Familie und meine sich so gut verstehen und dass wir über all die Jahre eine Einheit geworden sind.
Ein bisschen werde ich zurück erinnert an unseren Roadtrip 2023 (die „La Dolce Vita Tour“), als plötzlich ein Gewitter aufzieht und wir zum Abendessen nach drinnen in den Gastraum flüchten müssen. Auf der Tour 2023 gab es an jedem Abend unserer Etappen heftige Gewitter und Stürme. Uns wir waren jedes Mal, so wie auch jetzt, zufällig in einem Hotel oder Gasthof neben einer Kirche untergebracht. Draußen stürmt, regnet und donnert es auch jetzt laut, während wir in der urigen Gaststube deftiges, bayrisches Essen zu uns nehmen. Dicht gedrungen haben wir acht uns zusammen an einen kleinen Tisch mit Sitzbank gequetscht, so dass wir es schaffen, sogar zwei Getränke innerhalb von kurzer Zeit umzukippen und immer wieder ein anderes Familienmitglied mit einer kühlen Erfrischung auf der Kleidung zu beglücken. Draußen laufen derweil Sturzbäche an den Fenstern herunter, weil es mittlerweile so doll schüttet.
Nach dem Essen ist das Unwetter wieder vorbei und die Sonne zeigt sich nochmal von ihrer besten Seite. Vor dem Nachtisch wollen wir das ausnutzen und runter zum Chiemsee laufen. Auch dort soll es wieder eine Kärwa geben, direkt am Ufer. Wir begleiten Gavin und Theresa zum Auto, denn sie wollen heute Abend noch weiter nach Österreich fahren, und marschieren los. Der kurze Weg entpuppt sich als kleine Wanderung aus dem Ort heraus und durch die Felder. In der Ferne sehen wir schon von Weitem die Masten der Segelboote im Hafen. Der Chiemsee leuchtet toll in der Abendsonne, als wir ihn erreichen. Wir ziehen unsere Schuhe aus und kühlen unsere Füße von dem kleinen Spaziergang hierher ab. Am Steg kann man unheimlich weit in den See hineingehen und ist doch nur bis zu den Knien im Wasser. Da die Sonne langsam über dem See untergeht, schauen wir nur kurz bei der Kärwa vorbei und machen uns dann auf den Weg zurück nach Bernau. Eigentlich hatten wir uns vorgenommen, zur Belohnung noch einen Nachtisch zu uns zu nehmen, aber im „Alten Wirt“ ist die Küche schon zu, so dass es heute keine Palatschinken mehr für uns gibt.
Marion, Micha und Mia ziehen sich auf unsere Zimmer zurück, die mit ihren bemalten Möbeln mit Schnitzereien wirken, als wären sie einem Sissi-Film entsprungen. Jens, Mads und ich gehen in die gegenüberliegende Bar „Charly’s“, um das WM-Finale Spanien gegen Argentinien anzuschauen. Ein paar Leute sind mit uns hier zum Fußball gucken zusammengekommen und alle fiebern – vor allem durch die unfaire Spielweise der Argentinier forciert – mit den Spaniern mit. Das Spiel geht in die Verlängerung und plötzlich kommt uns der Gedanke, wie lange die Türen des Gasthofs denn wohl offenstehen bzw. wann die Haustür wohl abgeschlossen wird. Es ist immerhin schon kurz vor 0 Uhr. Also flitzen wir lieber schnell zurück, wobei Mads noch unglücklich über eine Stufe fällt und sich am Knie verletzt. Ramponiert stehen wir also vor der Eingangstür des „Alten Wirts“ und natürlich ist diese geschlossen. Auf unser Klingeln reagiert leider auch niemand, also bleibt uns nichts anderes übrig, als mit meinen letzten 5% Handy-Akku noch Mia aufzuwecken.Gott sei Dank ist auch die Haustür nicht von innen verschlossen. Ich hatte mir schon überlegt, dass sie uns ansonsten ein Fenster hätte öffnen müssen und sah uns vor meinem inneren Auge schon irgendwo in den Gastraum einsteigen. Aber so ist nochmal alles gut gegangen und wir können die letzten Minuten des Fußballspiels tatsächlich noch in einem unserer Zimmer verfolgen. Spanien wird an diesem Abend Weltmeister 2026.
„Einen schönen, urigen Gasthof und einen klaren, kühlen See mit Bergen, mehr brauchen wir für einen Zwischenstopp eigentlich nicht.“, denke ich zufrieden am nächsten Morgen beim ausgiebigen Frühstück. „Entschuldigen Sie!“, sage ich zu einer Frau mit Schildchen am Shirt, „Kann ich wohl einen Cappuccino zum Frühstück haben?“. „Ja ganz sicher!“, antwortet diese, „Aber ich arbeite hier gar nicht!“. Wir müssen beide lachen und ich scherze: „Ach so, aber können Sie mir trotzdem einen bringen?“. Leider versteht sie den Witz nicht und guckt mich verwirrt an. Mads hat in der Zwischenzeit die echte Bedienung ausgemacht (kein Shirt mit Schild, sondern natürlich im traditionellen Dirndl) und fragt nach Toast. Leider gibt es keines, aber sie ist so nett, dass sie fragt, wie lange wir noch bleiben. Dann würde sie dem lieben Jungen für das morgige Frühstück extra Toast kaufen, was ich extrem zuvorkommend finde!
In der nebengelegenen Kirche zünden wir vor der Weiterfahrt noch eine Kerze für unsere Ida und all die anderen Familienmitglieder an, die nicht mehr bei uns sein können, und machen uns dann auf die nächste Etappe in Richtung Porec in Kroatien.
Und wieder haben wir Glück mit unserem Ladestopp. Die Ladesäule liegt im Österreichischen Flachau, einem kleinen Örtchen in den Bergen. Nur ein paar Schritte entfernt finden wir ein kleines Familienhotel, auf dessen Terrasse wir Platz nehmen und die Ladezeit verbringen. Wir bekommen Kaffee und kühle Getränke, während plötzlich Marion und Micha um die Ecke biegen. Zufällig laden sie im selben Ort und haben über den Live-Standort, den wir während unserer Fahrten teilen, gesehen, dass wir auch hier sind. So können wir endlich mal eine Pause zusammen verbringen! Die Kinder haben derweil Spaß mit einem ganzen Fuhrpark ulkiger Fahrzeuge, die man auf unterschiedlichste Art und Weise fortbewegen kann. Dazu gibt es auf dem Hof des Hotels noch einen kleinen Spielplatz. Wie so oft, kommt der Moment, als der ID.Buzz per App vermeldet, dass er wieder startklar ist, schneller als wir denken.
Der Weg zurück auf die Autobahn führt uns an einem kleinen Bergflüsschen entlang, das so klar und frisch aussieht, dass wir nicht widerstehen können. Wir fahren schnell an den Straßenrand und klettern die Böschung herunter, um uns vor der nächsten Etappe noch einmal ordentlich abzukühlen. Solche Aktionen liebe ich ja und darum mag ich es auch so sehr, wenn wir zwischendurch mal Strecken über Land fahren. Es gibt immer irgendwas zu entdecken und schöne, kleine Orte für Pausen, an denen man etwas Besonderes erleben kann. Und irgendwie ahnen wir auch schon, dass die Etappe von Süddeutschland bis nach Kroatien wohl die Anstrengendste unseres Roadtrips sein wird…

